lauf-stark fürs leben 

"nebenan ist überall" - Spenden-Laufprojekt

Laufen, Psyche und Gesundheit


  "Der Körper ist mein Freund.

Ich möchte versuchen, ihn als solchen

zu achten, zu versorgen und zu schützen…"


Mir wird mehr und mehr bewusst: Diese Einstellung ist wohl eine der wichtigsten Voraussetzungen für einen so langen Lauf wie "lauf-stark fürs leben - nebenan ist überall".

Ich befürchte manchmal, dass mein Projekt von anderen Menschen als selbstschädigend eingestuft werden könnte - die Kilometerzahl ist ja tatsächlich sehr hoch.

Gleichzeitig ist mir so sehr wichtig, gerade auch anderen Betroffenen zu sagen: Passt auf euch und euren Körper auf! Selbst wenn ihr Dinge vielleicht momentan noch nicht ändern könnt: Schaut hin und gebt nicht auf… Irgendwann kommt die Zeit – selbst wenn „frau/man“ es selbst nicht für möglich gehalten hätte...

"Lauf-stark fürs leben" bedeutet auch innere Arbeit für mich selbst. Mir wird beim Training immer bewusster, dass ein so langer Lauf nur MIT dem Körper machbar ist, niemals GEGEN ihn. Nur wenn ich versuche, den Körper als meinen Freund zu behandeln. Einen Freund, der wunderbare Leistungen vollbringen kann, wenn ich ihn schütze, pflege und versorge, und wenn ich ihn entsprechend langfristig und dosiert aufbaue.

Diese Art von Gedanken sind auch für mich neues Terrain. Denn hier - wie vermutlich auch für viele andere - ist das Laufen immer auch eine Gratwanderung gewesen.

Einerseits – das Laufen hat tatsächlich viele gute Funktionen, und manch schwere Zeit habe ich u.a. auch mit Laufen überlebt. Das Laufen kann Dissoziation (negativ wie positiv) fördern, Gefühle, Flashs, Erinnerungen „wegmachen“ – manchmal kann das tatsächlich hilfreich bis rettend sein.

Gleichzeitig: Wie so vieles andere können Sport und Laufen natürlich schnell zur Sucht werden, gerade wenn sie sich mit einer Essstörung koppeln.

Ganz früher - vor 20 Jahren - bin ich tatsächlich übermäßig gelaufen, daraus habe ich auch nie einen Hehl gemacht. Zeitweise fast von morgens bis abends; wenn ich eigentlich hätte für die Uni lernen müssen, dann halt mit Karteikarten in den Händen. Ich bin damals GEGEN die inneren Bilder angelaufen, GEGEN innere und auch äußere Schmerzen, GEGEN Tränen. Egal ob der Körper irgendwann "Stop" schrie - es MUSSTE gelaufen werden. Der Körper war der Feind, den ich mit Laufen und Co. "gerade noch so" unter Kontrolle halten konnte - das war das Gefühl.

Ich kann nur sagen, dass ich heute extrem dankbar und manchmal selbst erstaunt bin, dass der Körper all diese Eskapaden ohne Schaden zu nehmen überstanden hat.

Später dann, noch bis vor gar nicht langer Zeit, war das Laufen immer noch verknüpft mit dem Bestreben, den Körper zu kontrollieren. Es war sehr ritualisiert, immer dieselben Runden möglichst zur selben Zeit - auch damit das Pensum nicht schleichend mehr wurde. Immer noch war es egal, wie es mir gerade geht - gelaufen WIRD einfach - wenn auch in gesundheitsverträglichem Maße. Wenn aber einmal die Disziplin nicht über Müdigkeit oder gar Bequemlichkeit siegen konnte, dann war das die absolute Niederlage. Umgekehrt gab es dann auch immer wieder sehr lange Phasen, in denen gar kein Sport getrieben wurde - die Extreme eben von "ganz und immer" oder "gar nicht".

Heute ist das anders. Schon seit einiger Zeit bahnte sich eine Veränderung an, und durch "lauf-stark fürs leben" erlebe ich das im Moment sehr bewusst.

Das Laufen erfüllt nicht mehr das primäre Ziel, den Körper zu kontrollieren. Ich kann das Laufen an sich genießen - und es geht darum, ein Training aufzubauen, das den Körper so weit stärkt, dass er in einem Jahr die lange Strecke an aufeinanderfolgenden Tagen gut und gesund bewältigt. Das ist eben tatsächlich nur möglich, wenn ich auf den Körper achte, ihn nicht überstrapaziere, seine Bedürfnisse erfülle.

Ich fange also an, den Körper besser wahrzunehmen – und mich entsprechend zu verhalten - auch für "lauf-stark fürs leben".

Das gilt nicht nur für die langen Trainingsläufe von mehreren Stunden. In ihnen werde ich das erste Mal hellhörig / „hell-fühlig“: Geht es dem Körper gut, oder braucht er vielleicht gerade etwas? Und wenn ja, braucht er Energie, Kohlehydrate – oder Wasser – oder vielleicht etwas Elektrolyte? Ich lerne dabei, diese Bedürfnisse wahrzunehmen und auch noch auseinander zu halten. Für mich wirklich Neuland.

Aber ich lerne auch im Alltag, besser auf meinen Körper zu achten.

Das erste Mal bin ich STOLZ, wenn ich NICHT laufe, weil der Körper sich schlapp anfühlte. Es ist nicht wie früher Schwäche, weil „Geist“ und "Willen" vor den Bedürfnissen des Körpers kapituliert hätten. Sondern ich bin stolz, dass ich registriert habe: Der Körper braucht eine Pause – und ihm die Pause auch gegeben habe. Und staunend habe ich gemerkt: Der Himmel fällt mir nicht auf den Kopf, weder außen noch innen. Im Gegenteil – der Körper ist erholt und „versorgt“ doppelt so leistungsfähig.

Ich lerne also in der Vorbereitung für "lauf-stark fürs leben" selbst so viel: Nicht nur innere Zusammenarbeit, sondern auch, den Körper wahrzunehmen, zu beschützen, zu versorgen.

Und ich versuche mich bewusst Tag für Tag darin, den Körper als Freund zu betrachten und auch so zu behandeln. Mit mal mehr, mal weniger Erfolg - aber schon das ist ja sehr viel...